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Theo Wingen: Alles auf dem Prüfstand

Theo Wingen, Geschäftsführer der Drahtwerk Elisental W. Erdmann GmbH in Neuenrade.

Theo Wingen, Geschäftsführer der Drahtwerk Elisental W. Erdmann GmbH in Neuenrade, ist seit vier Jahrzehnten im Geschäft, aber nie hatte er so viel Freude an der Arbeit wie heute. „Ich habe gerade die beste Zeit meines Berufslebens“, sagt er. Wingen erlebt die Veränderungen durch die Transformation als Riesenchance für seinen Betrieb, gewinnt neue Kunden und optimiert Prozesse. Was ihn trotzdem bedrückt? „CBAM“, so Wingen, „ist eine große Belastung.“

Wer die Kraft des deutschen Mittelstandes verstehen will, sollte mit Theo Wingen sprechen. Der „alte Hase“ sprüht nur so vor Innovationsfreude. Der nötige Freiraum entstand, als sein Sohn durch einen gelungenen Nachfolgeprozess den größten Teil der operativen Verantwortung im Betrieb übernahm und den Vater entlastete. Theo Wingen konnte sich neuen Themen widmen. „Wir haben momentan große Chancen“, schwärmt er. „und die müssen wir ergreifen.“ 

Von der Krise zur Chance
Dabei begann alles mit einer Krise. „Vor einigen Jahren hatten wir ein Patent auf eine neue Drahtlegierung für die Herstellung von Schrauben angemeldet“, erinnert sich Wingen. „Damit konnten nun Schrauben produziert werden, die sich in Zylinderköpfen von Autos verbauen lassen, weil sie die hohen Temperaturen aushalten.“ Das Patent war da – und die Mobilitätswende schlug zu. E-Autos waren plötzlich die Zukunft. Niemand konstruierte mehr neue Zylinderköpfe für Verbrenner.

Man hätte durchaus verzweifeln können. Stattdessen prüften sie im Drahtwerk Elisental neue Möglichkeiten. „Da war ein potenzieller Kunde aus dem Bereich Wehrtechnik, dessen Produkte wir bis dato nicht herstellen konnten“, erinnert sich Wingen. „Warum eigentlich nicht, haben wir uns gefragt.“ Die Experten im Unternehmen beschäftigten sich mit der notwendigen Legierung. Offensichtlich erfolgreich. Seit Anfang vergangenen Jahres ist das Drahtwerk Alleinlieferant für den Kunden.

Das Unternehmen überzeugte nicht nur mit seiner Produktqualität. „Kundenbindung ist ebenfalls wichtig“, weiß Wingen. „Wir holen heute sogar den Schrott des Kunden zurück und lassen ihn beim Vorlieferenten wieder einschmelzen. Das können nur wir.“

Fragen über Fragen
Elisental schaffte für den Mammutauftrag neben einer neue Zieh- und Richtmaschine auch eine neue Glühanlage an. Vor allem aber stellte man sich in der Folgezeit viele Fragen. Zum Beispiel: Kann durch die neue Glühanlage nicht auch ein Draht produziert werden, der für die Schraubenhersteller das externe Aushärten überflüssig macht? Dadurch ließen sich für Elisental möglicherweise neue Märkte erschließen. Und immer wieder: Warum machen wir alles so, wie wir es machen? Muss das so sein? Durch diese jugendliche Neugier hat Wingen mit einem motivierten Team überflüssige Prozessschritte reduziert und inzwischen signifikante Summen eingespart.  

Alles kommt auf den Prüfstand. Durch Tüfteln mit seinen Leuten hat der Geschäftsführer Drahtspulen mit einem neuen Coil-Maß entwickelt. „Ihr Einsatz ist deutlich wirtschaftlicher“, freut sich Wingen. Jetzt will auch ein ausländischer Geschäftspartner diese Coils nutzen. 

„Das alles ist gerade richtig spannend“, strahlt Wingen. „Oft ist es wie beim Ei des Kolumbus“, schmunzelt er. „Die Lösung eines Problems liegt auf der Hand, aber man sieht sie zunächst nicht.“ Wingen hat in den vergangenen Jahren – im übertragenen Sinne – viele Eier auf die Spitze gestellt. 

Mit der neuen Maschine produziert er heute weitaus wirtschaftlicher. Inzwischen wurde Elisental Hauptlieferant eines Zulieferbetriebes für die Herstellung von Sicherheitsgurten. Ein weiteres lukratives Neugeschäft. „Unser Kunde liefert nach ganz Europa“, erklärt der Geschäftsführer. „In fast jedem neuen Auto hierzulande stecken somit Produkte aus Neuenrade.“

Dabei hätte die deutsche Bürokratie ihn anfangs beinahe ausgebremst. Für die neue Maschine waren bauliche Veränderungen im Fabrikgebäude nötig. „Die Genehmigung war kompliziert“, erinnert sich Wingen. „Wir brauchten ein ganz neues Brandschutzkonzept.“ Der Geschäftsführer zuckt mit den Schultern. Er hat alles geduldig ertragen und letztlich Erfolg gehabt.

Kostensteigerung mit Ansage
Beim Thema CBAM aber wird er weniger nachsichtig. Er beobachtet eine Kettenreaktion, die seiner Meinung nach vorhersehbar war. CBAM, der Carbon Border Adjustment Mechanism der Europäischen Union, zwingt ausländische Anbieter, die gleichen CO2-Aufschläge zu zahlen wie europäische Betriebe. Eigentlich ein Schutzmechanismus für heimische Firmen. „Unser Joint Venture in Spanien, das Vormaterial produziert, kauft aber weltweit Rohstoffe ein – und muss jetzt höhere Preise zahlen, die es an uns weitergibt. Damit trifft uns der Aufschlag auch.“ Gleichzeitig nutzen europäische Anbieter die Gunst der Stunde und erhöhen ebenfalls die Marktpreise. 

Und dann gibt es da noch die Energiekosten in Deutschland, die deutlich höher sind als in europäischen Nachbarländern. Unter dem Strich bedeutet das alles: Unternehmerische Innovationskraft trifft hierzulande auf schwierige Rahmenbedingungen. Theo Wingen spricht von „echten Nachteilen“. Bremsen lässt er sich davon nicht.