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Timo Finkernagel: „Das Problem ist die Summe“

Timo Finkernagel, Geschäftsführer der Fritz Finkernagel Drahtwerk GmbH & Co. KG in Altena.

Timo Finkernagel ist Gesellschafter und Geschäftsführer der Fritz Finkernagel Drahtwerk GmbH & Co. KG in Altena. In der hundertjährigen Geschichte des Unternehmens gab es bereits manche einzelne Krise, aber zurzeit kämen sehr viele Belastungen zusammen, sagt er im Interview. Unter anderem drücken die hohen Energie- und Arbeitskosten, aber auch die Vielzahl an Dokumentationspflichten. Dabei will Timo Finkernagel eigentlich nur eins: Seinen Job als Unternehmer gut machen, um im harten internationalen Wettbewerb bestehen zu können.

Herr Finkernagel, wie ist die wirtschaftliche Lage in Ihrem Unternehmen?

Die Lage ist herausfordernd. Wir spüren deutlich, dass viele Kunden vorsichtiger geworden sind. Für uns als Familienunternehmen ist das nichts völlig Neues. Finkernagel gibt es seit 100 Jahren, und in dieser Zeit hat das Unternehmen viele schwierige Phasen erlebt. Was die aktuelle Situation besonders macht, ist die Gleichzeitigkeit der Belastungen: schwache Konjunktur, hohe Kosten, Bürokratie sowie Unsicherheit bei Energie und Infrastruktur. 

Der Wettbewerb ist härter geworden. Trotzdem ist unsere Haltung klar: Wir denken langfristig, wir investieren weiter in Prozesse, Digitalisierung und Effizienz, und wir wollen unseren Standort weiterentwickeln.

Welche Rolle spielen Arbeits- und Energiekosten?

Eine große. Wir sind ein produzierendes Unternehmen, und da machen solche Kostenpositionen einen echten Unterschied.

Gute Arbeit soll auch gut bezahlt werden. Entscheidend ist aber, dass Produktivität, Infrastruktur und Rahmenbedingungen dazu passen. Schwierig wird es, wenn hohe Kosten mit fehlender Planungssicherheit zusammenkommen. Wenn Energiepreise, Netzentgelte, Abgaben und regulatorische Anforderungen ständig neue Unsicherheit schaffen, wird es schwerer, sich für langfristige Investitionen zu entscheiden.

Wie abhängig sind Sie vom Automobilmarkt beziehungsweise vom US-amerikanischen Markt?

Die Automobilindustrie ist für uns ein wichtiger Markt, aber nicht der einzige. Wir beliefern auch Kunden aus anderen Industriebereichen. Diese Diversifizierung ist für uns wichtig, weil sie Schwankungen einzelner Branchen abfedert. Trotzdem merkt man natürlich, wenn große Industriezweige wie die Automobilindustrie unter Druck stehen oder Investitionen zurückhalten.

Die USA waren für uns in den vergangenen Jahren ein Wachstumsmarkt. Wir haben dort viel investiert. Wenn dann plötzlich neue Zölle kommen, ist das frustrierend. Nicht weil Wettbewerb schlecht wäre, sondern weil sich die Spielregeln mitten im Spiel ändern.

Der US-Markt spielt für uns eine Rolle, aber wir sind nicht einseitig davon abhängig. Entscheidend ist für uns insgesamt, dass internationale Industriegeschäfte berechenbar bleiben und nicht durch neue Handelskonflikte zusätzlich erschwert werden.

Trifft die viel diskutierte Bürokratiebelastung auch auf Sie zu?

Ja, eindeutig. Ich kenne kaum einen Unternehmer, der sagt, dass Bürokratie in den letzten Jahren weniger geworden ist. Dabei geht es nicht darum, dass jede einzelne Regel für sich genommen völlig unsinnig wäre. Das Problem ist die Summe. Dokumentationspflichten, Berichtspflichten, Nachweise, Audit-Anforderungen, Energie-, Umwelt- und Arbeitssicherheitsthemen.

Ein gutes Beispiel sind Entlastungsinstrumente wie die Strompreiskompensation oder die BEHG-Carbon-Leakage-Verordnung (BEHG = Brennstoffemissionshandelsgesetz). Grundsätzlich ist es positiv, wenn energieintensive Unternehmen entlastet werden und dass unser Wirtschaftszweig nachträglich berücksichtigt wurde. Darüber freuen wir uns ausdrücklich.

Aber die Verfahren sind so komplex und die Fristen teilweise so knapp, dass viele Unternehmen sie ohne externe Berater oder Wirtschaftsprüfer kaum rechtssicher bewältigen können. Dann kommt die Entlastung zwar formal beim Unternehmen an, aber ein Teil davon geht direkt wieder für Antragstellung, Prüfung und Nachweise verloren. 

Weitere Beispiele sind das Verpackungsrecht und die neue europäische Verpackungsverordnung. Auch wenn wir kein Verpackungshersteller im klassischen Sinne sind, müssen wir als Lieferant industrieller Produkte sehr genau prüfen, welche Verpackungen wir einsetzen und welche Informationen wir bereitstellen müssen.

Hinzu kommen die Anforderungen unserer Kunden. Viele größere Kunden haben eigene Lieferantenportale aufgebaut, mit eigenen Fragebögen, eigenen Nachweisen und eigenen Formaten. Oft liefern wir dieselben Informationen mehrfach, nur in einem anderen System. Da wünsche ich mir deutlich mehr Standardisierung.

Auch bei Zertifizierungen nimmt der Aufwand weiter zu. Als Betreiber einer IED-Anlage (Industrial Emissions Directive) steht für uns gemäß der EU-Richtlinie über Industrieemissionen zusätzlich ein Umweltmanagementsystem im Raum. Inhaltlich ist Umweltmanagement wichtig und richtig. Aber auch hier entsteht wieder zusätzlicher Dokumentations- und Auditaufwand.

Am Ende schafft Bürokratie keinen neuen Auftrag, verbessert kein Produkt und bringt keinen zusätzlichen Mitarbeiter in die Produktion. Ich bin Unternehmer geworden, weil ich Dinge gestalten möchte. Nicht, weil ich möglichst viele Formulare ausfüllen wollte.

Haben Sie Wünsche an die Landes- und Bundesregierung?

Mein Wunsch ist bodenständig: Ich wünsche mir, dass Unternehmen wieder einfacher arbeiten können. Wir brauchen bezahlbare und verlässliche Energie, weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungen, funktionierende Infrastruktur und eine Arbeitsmarktpolitik, die Leistung unterstützt. 

Viele Mittelständler erwarten keine Subventionen und keine Sonderbehandlung. Wir wollen Rahmenbedingungen, unter denen wir im internationalen Wettbewerb bestehen können. Ich wünsche mir nicht, dass der Staat unsere Probleme löst. Ich wünsche mir, dass er uns nicht jeden Monat neue macht.

Ist der Einsatz von KI für Sie ein Thema? 

Ja. Aber ich sehe KI nicht als Selbstzweck und auch nicht als kurzfristige Wunderlösung. Entscheidend ist, dass sie konkrete Prozesse besser macht. Bei Finkernagel beschäftigen wir uns ohnehin seit Jahren mit Digitalisierung. Es geht um bessere Daten, transparente Abläufe, Qualitätsdokumentation, schnellere Auswertungen, Unterstützung im Vertrieb, in der Verwaltung und perspektivisch auch in technischen Prozessen.

Deutschland darf bei KI nicht nur über Risiken sprechen. Natürlich brauchen wir Sicherheit und Datenschutz. Aber wir müssen auch ins Machen kommen. Sonst entwickeln andere Länder die Anwendungen, und wir diskutieren noch über die Regeln.

Besteht trotz Wirtschaftskrise der Fachkräftemangel weiter?

Ja, eindeutig. Die aktuelle Schwäche der Konjunktur löst den Fachkräftemangel nicht. Sie überdeckt ihn höchstens vorübergehend.

Wenn die Nachfrage wieder anzieht, fehlen die Fachkräfte immer noch. Der demografische Wandel ist nicht verschwunden. Gerade technische Berufe, Produktionserfahrung und handwerklich-industrielles Können bleiben knapp.

Für Unternehmen ist das eine schwierige Kombination: Man muss kurzfristig mit schwächerer Nachfrage umgehen und gleichzeitig langfristig Fachkräfte sichern, ausbilden und halten.

In welche Richtung entwickelt sich Südwestfalen?

Ich bin grundsätzlich optimistisch. Südwestfalen hat eine starke industrielle Substanz, viele Familienunternehmen, viel technisches Know-how und eine Kultur des Anpackens.

Aber Optimismus ersetzt keine Rahmenbedingungen. Wenn Infrastruktur, Bildung, Fachkräftegewinnung, Energieversorgung und Wettbewerbsfähigkeit nicht ernst genommen werden, wird das Folgen haben. Die Industrie verschwindet nicht über Nacht. Aber Investitionen finden dann irgendwann woanders statt. Genau das müssen wir verhindern.